Die Vorgeschichte: Eine Familie
minus Auto ist ein TicketPlus und einen
1000-Euro-Reisegutschein wert.
In der Ludwigsburger Kreiszeitung, die die Aktion
zusammen mit dem VVS redaktionell begleitet hat, hatte Familie Bucksch von der Aktion gelesen: Der Verkehrs-
und Tarifverbund Stuttgart sucht eine Familie, die vier Wochen lang auf ihr Auto verzichtet. Stattdessen soll die Famile Bus und Bahn nutzen und zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein. Die Belohnung dafür: ein JahresTicketPlus, das für das gesamte VVS-Netz gültig ist, sowie einen
DB-Reisegutschein im Wert von 1000 Euro. Die Buckschs bewarben sich und wurden als Umsteigerfamilie 2009 ausgewählt.
Am 8. Juni 2009 fiel der Startschuss zur Aktion. Der VW-Bus der Familie aus dem 4000-Seelen-Dorf Poppenweiler bei Ludwigsburg wanderte für vier Wochen aufs Abstellgleis. Ausgestattet mit jeweils einem Monatsticket berichtete die Familie hier und in der LKZ in regelmäßigen Abständen über den neuen Familienalltag: bis zum erfolgreichen Abschluss der Aktion.
Rückblick auf den ersten Tag ohne Auto
Die Buckschs müssen sich als Umsteigerfamilien nun wohl, zumindest ein bisschen, zur Lokalprominenz zählen. Den Vorbericht in der Ludwigsburger Kreiszeitung haben offenbar viele gelesen. Nicht nur als sie am Sonntag beim Wählen war, auch gestern, als Mama Bucksch am ersten Tag als Mitglied der „amtierenden“ Umsteigerfamilie wie gewohnt im Bus zur Arbeit fuhr: selbst fremde Leute grüßen, lächeln wenn sie sie wegen des Fotos in der Zeitung wiedererkennen.
In der Schule wollten die Mitschüler von Paula und Helene gleich in der ersten Stunde soviel zur Aktion wissen, dass der Unterricht zur Fragerunde wurde. Einzig Papa Bucksch hat sein Monatsticket noch nicht benutzt. Er war bislang nur zu Fuß unterwegs, weil er außerhalb von Poppenweiler nichts zu erledigen hatte. Aber das kommt bestimmt noch ...
Mit Bus und Bahn nach ganz oben


Mittlerweile hat es auch Papa Bucksch geschafft, sein MonatsTicket einzusetzen. Nämlich um am Mittwoch im Baumarkt in Ludwigsburg-Pflugfelden ein paar Dinge zu besorgen. Unterwegs mit den Buslinien 430 und 422 traf er prompt einen Mann, den er aus Poppenweiler vom Sehen her kannte. Als er mit ihm im Bus ins Gespräch kam, stellte sich heraus. dass dessen Frau mit Mama Bucksch seit zwei Jahren im Nordic-Walking-Verein ist. Allein im Auto wäre es wohl nicht zu dieser "neuen" Bekanntschaft gekommen …
Das eigentliche Highlight war jedoch am Donnerstag, Fronleichnam und damit Feiertag: Familienausflug! Eigentlich hätte es zusammen mit dem Cousin von Papa Bucksch und dessen Kindern in Richtung Vaihingen/Enz gehen sollen. Doch die Verwandtschaft traute dem Wetter nicht. Also entschlossen sich die Buckschs vormittags allein auf Tour zu gehen – zum Stuttgarter Fernsehturm (die Verwandten wurden dafür am Nachmittag mit dem Fahrrad besucht). Los ging es um 12:32 Uhr mit dem 430er-Bus, dann mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort mit der U7 zur Ruhbank. Oben auf dem Fernsehturm ließen sich die vier den Wind ordentlich um die Nase wehen, während man die beeindruckende Aussicht genoss. Zurück ging es dann mit der U15, um auch diese Strecke noch kennenzulernen, dann mit der Regionalbahn vom Stuttgarter Hauptbahnhof nach Ludwigsburg, dann mit dem 430er wieder nach Hause, Haltestelle Burghaldenstraße.
Stand der Erkenntnis am Donnerstagabend: Mit der vollen Bandbreite von Bus und Stadtbahn über S- und Regionalbahn bis zum Fahrrad ganz schön rumgekommen. Und alles ohne Auto. Geht doch!
Musical-Abend mit Nachklang in der Dunkelheit

Den ganzen Tag hat sich die Familie auf das Schiller-Musical in der Stadthalle Marbach gefreut. Mit den Rädern haben sie sich auf dem drei Kilometer langen Weg gemacht und kamen pünktlich zur Aufführung um 18:30 Uhr an. Das Sahnehäubchen auf den Höhepunkt des Tages gab des nach der Veranstaltung: die Fahrt zurück nach Hause. Es war schon weit nach 22 Uhr und stockfinster. Nur die kleinen Lichtkegel ihrer Fahrradlampen dienten als Fährte auf den Feldwegen. Ein Heidenspaß für die vier, die auf diese abenteuerliche Weise sicher zum ersten Mal gemeinsam zu Hause angekommen sind.
Der siebte Tag ohne Auto
Am Vormittag ein kleiner Einkauf: Kaffee und Brot bekommt Familie Bucksch auch bequem in Poppenweiler. Helene und ihr Papa haben am Nachmittag den Familienbus von innen geputzt. Eine ausnahmsweise langfristige Investition: Wenn sowieso keiner drin sitzt, bleibt der Wagen wirklich mal eine Weile sauber. Paula hat das schöne Wetter genutzt und ist mit ihren Freundinnen ins Schwimmbad gegangen.
Und zwar nicht nach Steinheim wie sonst, sondern nach Hoheneck. Das näher gelegene Bad ist mit Bus und Bahn gut zu erreichen. Und siehe da, die Neuentdeckung vor Ort ist mehr als nur eine tolle Alternative zum „Stammbad“.
Badetag für alle
Was Paula am Vortag getestet und für gut befunden hat, wollte der Rest der Familie auch einmal ausprobieren. Und so hat die komplette Familie den ganzen Sonntag im Freibad in Hoheneck verbracht.
Als sie am Abend auf den Bus warteten, kamen wieder einmal Bekannte vorbei, die sie mitnehmen wollten. Aber die vier haben dankend abgelehnt. Mit dem Auto hätten sie ohnehin nur drei Minuten gespart.
Mit dem Bus zum Großeinkauf
Eine gute Woche lang hat Familie Bucksch von dem Vorrat gelebt, den sie vor der Umsteigeraktion angelegt hatte. Der war nun jedoch soweit geschwunden, dass die erste große Einkaufstour ohne Auto in Angriff genommen werden musste. Tochter Helene wollte unbedingt mit. Wahrscheinlich hoffte sie, dass der Ausflug amüsant werden könnte – schließlich musste nicht sie, sondern ihr Papa hinterher das ganze Zeug mit dem neuen Einkaufstrolley wieder nach Hause ziehen.
Nach dem Mittagessen sind die beiden losgezogen. Mit dem Bus 430 waren sie schon nach sieben Minuten an der Haltestelle Neckarbrücke, direkt vor einem Aldi-Markt. Ein bisschen mussten sie darauf achten, dass sie nicht zuviel in den Einkaufswagen legen, denn im Trolley ist nicht unendlich viel Platz. Für die ganze Einkaufstour haben Papa Bucksch und Helene nur eine Stunde gebraucht. Wie erwartet: Ganz ohne Zwischenfälle und Papa Bucksch vermisst sein Auto immer noch nicht! .
Alles im grünen Bereich ohne Auto
Die Kinder waren in der Schule und Hausmann Papa Bucksch hat mit einem kleinen Einkauf im Ort dafür gesorgt, dass seine Familie alles hat, was sie braucht.
Abends ist er mit dem Fahrrad nach Marbach zu Paulas Schule gefahren, um einen pädagogischen Workshop zu besuchen. Nur zehn Minuten hat er für den Weg dorthin gebraucht. Da fragt er sich allen Ernstes, warum er bisher immer mit dem Auto gefahren ist.
Wenn die Mutter mit der Tochter...
Mama Bucksch und Paula haben eine Shoppingtour zum Breuningerland nach Ludwigsburg unternommen. Mit dem Bus sind die beiden kurz nach 11 Uhr aufgebrochen, am Busbahnhof in Ludwigsburg umgestiegen und um 11:50 Uhr standen sie vorm Einkaufszentrum. Ein Blick auf den vollen Parkplatz brachte die beiden zum Schmunzeln.
Mit dem Bus brauchten sie zwar ein bisschen länger als mit dem Auto, aber dafür haben sie sich die Parkplatzsuche gespart. Mit einigen Taschen beladen, deren Inhalt zum größten Teil Paulas Kleiderschrank füllen wird, sind die beiden wieder nach Hause gefahren.
Ein Chorauftritt mit märchenhaftem Ausklang


Zum Auftritt von Tochter Helene mit dem Poppenweiler Chor beim Kinderchor-Festival in Ludwigsburg ist Familie Bucksch wieder mit ihrer „Hauslinie“ 430 gefahren. Anschließend haben sie die Gelegenheit genutzt, wieder einmal den Märchengarten zu besuchen und haben damit ein paar Erinnerungen aufgefrischt. Als die Kinder kleiner waren, sind sie öfter dort gewesen.
Halbzeit!
Zwei Wochen ohne Auto sind schnell vorüber gegangen, findet die Familie Bucksch. Nach der Halbzeit stellen alle einstimmig fest, dass es noch keine einzige Situation gab, in der sie ihr Auto vermisst haben.
Ganz im Gegenteil: Es hat ihnen Spaß gemacht, die Fahrten auf eigene Faust zu organisieren – mit dem Bus, der Bahn, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Alle freuen sich auf die zweite Halbzeit. Auch nach dem Schlusspfiff wollen die vier weniger mit dem Auto fahren.
Fix durch den Großeinkauf
Für die dritte Woche brauchten der Kühlschrank und die Vorratskammer der Familie Bucksch wieder frischen Nachschub.
Da es sich bereits bewährt hat, mit dem Bus drei Haltestellen weiter zum nächsten Supermarkt zu fahren, wurde das wiederholt. Innerhalb von nur einer Stunde war der Wocheneinkauf „abgevespert“.
Zu Fuß nach Marbach
Alle haben sich den ganzen Tag lang schon auf den Abend gefreut. Familie Bucksch hatte sich Karten für das Schauspiel „Die Räuber“ von Friedrich Schiller gekauft, das um 19:30 Uhr in der Marbacher Stadthalle aufgeführt wurde. Nach Marbach ist die ganze Familie zu Fuß gelaufen. 25 Minuten brauchten sie dafür. Papa und Mama Bucksch haben ihre Räder mitgenommen und geschoben. Weil spätabends kein Bus mehr von Marbach nach Poppenweiler fährt, hatte eine Nachbarin angeboten, die Kinder mit zurück zu nehmen.
Paula und Helene mussten nämlich am nächsten Morgen zur ersten Stunde im Unterricht sitzen und Klassenarbeiten schreiben. Papa und Mama Bucksch haben sich nach dem Theaterstück auf ihre Räder gesetzt. Ausgerüstet mit Windjacken und Hosenklammern sind sie im Dunkeln ganz in Ruhe über die Felder nach Hause gefahren, während die Kinder schon im Bett lagen.
Aufatmen beim Getränkekauf

Mit einer kleinen Sackkarre sind Papa Bucksch und Helene heute zum Getränkehändler gelaufen. Die beiden hatten ein bisschen Bammel, dass es schwierig sein würde, die schweren Kisten zu transportieren. Im Laden angekommen, war das Erste, was sie unternommen haben, zu testen, wie viele Getränkekisten tatsächlich auf die Karre passen. Die Erleichterung bei den beiden war groß, als sie feststellten, dass sie damit drei Kisten nach Hause fahren können. Also alles – wieder einmal – nur halb so wild wie erwartet.
Drei Wochen sind um!

Und Familie Bucksch sehnt sich das Ende der Umsteiger-Aktion nicht herbei – im Gegenteil. Auch die dritte Woche lief sehr gut: Alle haben sich mit der Situation nicht nur arrangiert, sondern auch angefreundet. Denn für die vier steht mittlerweile fest, dass sie viel mehr voneinander haben, wenn sie nicht hastig mit dem Auto von A nach B fahren, sondern gemeinsam mit Bus und Bahn oder den Rädern unterwegs sind.
Ohne Auto, aber jetzt mit festem Familienchauffeur
Der 430er-Bus ist nun endgültig der „offizielle“ Auto-Ersatz für die Buckschs. Im Laufe des Tages hat jeder der Familie diese Linie genutzt. Helene ist damit zur Schule, in den Freistunden am Mittag dann nach Hause, anschließend wieder zum Nachmittagsunterricht, dann wieder nach Hause und abends dann nach Ludwigsburg in den Sportverein. Und Paula war zwar mit dem Rad in der Schule in Marbach, ist aber dann am Nachmittag mit dem 430er auch nach Ludwigsburg gefahren, um sich dort mit Mama Bucksch zum Einkaufen zu treffen. Frau Bucksch fährt ohnehin jeden Tag mit dem 430er zur Arbeit in Stuttgart.
Am Abend war dann Papa Bucksch an der Reihe: er fuhr mit der „Familienlinie“ zum Festakt im Mörike-Gymnasium anlässlich der 50-jährigen Partnerschaft mit der französischen Stadt Montbéliard und deren Schule. Beim anschließenden Stehempfang waren dann auch zwei Viertele drin, denn der 430er übernahm mal wieder die Chauffeurfunktion.
Shopping und das weibliche Geschlecht

Auch ohne Auto müssen die „Bucksch-Mädels“ nicht auf eine ihrer Lieblingsbeschäftigung verzichten. Mit der Buslinie 424, die sich schon für solche Zwecke bewährt hatte, ging es für Mama Bucksch, die Töchter Helene und Paula sowie einer Freundin nach Ludwigsburg. Dort wurde der Nachmittag bei IKEA und Breuninger ausgiebig genutzt. Was alles eingekauft wurde? Geheim!
Ein ganz ruhiger Sonntag
Eigentlich gibt es vom heutigen Tag nicht viel zu berichten. Die Familie verbringt einen entspannten Tag zu Hause. Dennoch kam bzw. wird die Familien-Buslinie 430 zum Einsatz kommen: Eine Schulfreundin von Helene ist zu Besuch aus Ludwigsburg gekommen und Helene hat es sich nicht nehmen lassen, sie persönlich mit dem Bus abzuholen.
Und auch heute Nachmittag will das Nesthäkchen der Buckschs die Freundin auf der Rückfahrt begleiten. Der „Familienchaffeur“ soll sich ja schließlich auch sonntags nicht langweilen.
Ab mit alten Zöpfen!

Gewohnheiten sind auch da, um mit ihnen hin und wieder zu brechen. Mittlerweile befindet sich Familie Bucksch in der vierten Woche ohne Auto, was für die vier zum Alltag geworden ist. In dieser Zeit haben sie ihren Heimatort Poppenweiler neu für sich entdeckt. Vor allem die Einkaufs- und Dienstleistungsangebote: Nicht nur Getränke und Brot werden zum Beispiel seit Beginn der Aktion in den örtlichen Geschäften gekauft. Auch der Friseur von Poppenweiler konnte sich heute über neue Kundschaft freuen: Tochter Helene wollte sich aufgrund der Hitze spontan ein gutes Stück von ihrer langen Mähne trennen. Hoffentlich ist der Stammfriseur der Familie, zu dem Papa und Mama Bucksch seit über 20 Jahren gehen, nicht allzu traurig ...
Papa Bucksch entkommt dem Unwetter
In Stuttgart war heute ab 16:30 Uhr Land unter. Gerade, als Papa Bucksch nach Hause fahren wollte. Die aufgetürmten Gewitterwolken haben sich derart gewaltig ausgeschüttet, dass das Wasser in Sturzbächen die Straßen herunterlief.
Papa Bucksch war in die Stadt gefahren, um eine Veranstaltung zu besuchen. Und er war heilfroh, dass er sich mit der Bahn auf dem Heimweg machen konnte: schön im Trockenen und ohne vom Chaos auf den Straßen etwas mitzubekommen.
Familie Bucksch auf Zeitreise – aber bitte mit Rückfahrticket!

Mama Bucksch und Paula sind mit „ihrem“ 430er zum Aldi in der Marbacher Straße gefahren, während Papa Bucksch sich mit der Sackkarre zum Getränkehändler auf machte. Nach dem Einkauf hat er dort „als neuer Stammkunde“ sogar schon einen Treuepass erhalten. Am Abend ist die ganze Familie zur Eröffnung des neuen Straßenbahnmuseums nach Bad Cannstatt gefahren. Dort haben sie festgestellt, dass die alten Bahnen zwar schön anzuschauen sind, aber die moderne Generation auf Schienen doch viel bequemer ist. Ansonsten verlief die Hin- und Rückfahrt zum Museum mit den Öffentlichen wieder einmal reibungslos.
Kunst und Kultur

In einem Monat kein einziger Meter

Rückblick, Fazit, Ausblick.


Als Familie Bucksch am Sonntag beim Fit+Fun-Festival 2009 auf dem Stuttgarter Schlossplatz ihren wohlverdienten Preis – ein Ticket Plus und einen Reisegutschein – entgegennahm, war die anfängliche Skepsis vergessen. Zu Beginn der vier autolosen Wochen hatten die vier schon ein mulmiges Gefühl, das Auto so lange stehen lassen zu müssen. Vor allem als sie Sonntag abend vor Beginn der Aktion das „Beweisfoto“ vom Tacho des Familienbuses gemacht hatten. Das Auto war ja bislang für alles zu haben gewesen: zum Einkaufen, um die Kinder zum Sport zu fahren, für Ausflüge oder um mal eben in die Nachbarstadt zu fahren.
Aber es hat ja alles bestens geklappt. Die beiden Töchter Paula und Helene zum Beispiel haben das Auto keine Minute vermisst, da sie schon immer viel mit dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn unterwegs waren. Und auch die Eltern sind mittlerweile überzeugt und haben schon einen Vorsatz für das nächste Jahr: Aus den 9500 Kilometern, die sie bislang im Jahr mit dem Auto gefahren sind, sollen nur noch 7000 Kilometer werden. Die letzten Wochen haben den Buckschs nämlich gezeigt, dass sie ihr Auto gar nicht so dringend brauchen, wie sie anfangs noch gedacht hatten. Alternativen gibt es schließlich genug – wenn man nur will.



